Emotionale Intelligenz bei Hunden: Können Hunde unsere Gefühle erkennen? von Luca Barrett Kann ein Hund wirklich merken, wenn wir traurig...
von Luca Barrett
Kann ein Hund wirklich merken, wenn wir traurig sind? Kann er die Stimmung eines anderen Hundes erkennen? Und warum scheinen manche Hunde, Menschen und ihre sozialen Partner geradezu lesen zu können?
Die Antwort ist faszinierend: Hunde besitzen bemerkenswerte Fähigkeiten, emotionale und soziale Informationen wahrzunehmen und darauf zu reagieren.
Und inzwischen wird dafür auch in der Fachliteratur ausdrücklich der Begriff „emotionale Intelligenz“ verwendet. Eine 2024 veröffentlichte wissenschaftliche Arbeit trägt sogar den Titel „Emotional Intelligence in Dogs: Recognizing and Responding to Canine Emotions“. Die Autoren beschäftigen sich darin unter anderem damit, wie Hunde Emotionen über Körpersprache, Gesichtsausdrücke und Lautäußerungen wahrnehmen und darauf reagieren. Auch Empathie und die besondere Mensch-Hund-Beziehung werden als Bestandteile dieses Themenfeldes betrachtet.
Assistenzhundetrainer wählen Welpen auch hinsichtlich ihrer emotionalen Intelligenz aus. Für PTBS-Assistenzhunde ist die emotionale Intelligenz eines Welpen sogar ein entscheidender Faktor für die Eignung. Die Trainer untersuchen in Welpentests, wie Hunde emotionale Signale erkennen, wie sie darauf reagieren und wie gut sie ihr eigenes Verhalten an soziale Situationen anpassen können.
Was bedeutet emotionale Intelligenz bei Hunden?
Bei Menschen beschreibt emotionale Intelligenz die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen, zu verstehen und angemessen mit ihnen umzugehen.
Bei Hunden wird der Begriff wissenschaftlich etwas anders betrachtet:
Ein emotional intelligenter Hund ist besonders gut darin, soziale und emotionale Informationen aus seiner Umwelt aufzunehmen und sein Verhalten daran anzupassen.
Dazu können verschiedene Fähigkeiten gehören:
· die Stimmung eines Menschen wahrnehmen,
· Veränderungen in Stimme und Körpersprache erkennen,
· Gesichtsausdrücke und andere emotionale Signale verarbeiten,
· emotionale Lautäußerungen von Menschen und Hunden unterscheiden,
· die Körpersprache anderer Hunde lesen,
· soziale Grenzen erkennen,
· auf die Emotionen anderer reagieren,
· das eigene Verhalten an unterschiedliche soziale Partner anpassen und
· bei Unsicherheit soziale Orientierung suchen.
Genau diese Kombination macht emotionale Intelligenz bei Hunden so spannend. Denn ein emotional intelligenter Hund nimmt nicht einfach nur etwas wahr. Er nutzt die Information auch in irgendeiner Form für sein Verhalten.
Kann mein Hund wirklich merken, dass ich traurig bin?
Viele Menschen kennen diesen Moment.
Man kommt nach einem anstrengenden Tag nach Hause. Man ist traurig, gestresst oder erschöpft.
Und plötzlich sitzt der Hund neben einem.
Er schaut einen an.
Kommt näher.
Legt vielleicht den Kopf auf den Schoß.
Oder bleibt einfach ganz ruhig in der Nähe.
Ist das Zufall?
Die Forschung deutet darauf hin, dass Hunde tatsächlich auf menschliche emotionale Zustände reagieren können.
Besonders bekannt sind Untersuchungen, in denen Hunde mit weinenden Menschen konfrontiert wurden.
Das „Fake-Weinen“-Experiment: Was macht ein Hund, wenn ein Mensch weint?
Eine bekannte Studie von Custance und Mayer untersuchte, wie Hunde auf Menschen reagieren, die scheinbar weinen.
Die Hunde zeigten während des Weinens häufiger auf die Person gerichtetes Verhalten als in den Vergleichssituationen.
Was ist emotionale Ansteckung?
Wenn wir sehen, dass ein anderer Mensch lacht, können wir selbst anfangen zu lächeln. Wenn jemand neben uns gähnt, müssen wir plötzlich ebenfalls gähnen. Und wenn eine Person in unserer Nähe sehr angespannt oder aufgeregt ist, fühlen wir uns manchmal selbst unruhiger, obwohl wir eigentlich gar keinen Grund dafür haben.
Dieses Phänomen wird als emotionale Ansteckung bezeichnet.
Emotionale Ansteckung bei Hunden
Auch Hunde können emotional auf die Zustände anderer reagieren.
Ein Hund hört beispielsweise einen anderen Hund aufgeregt bellen.
Der andere Hund ist angespannt.
Seine Körperhaltung verändert sich.
Seine Stimme wird höher oder intensiver.
Und plötzlich wird auch der eigene Hund aufmerksamer oder unruhiger.
Oder ein Mensch ist sehr gestresst, spricht angespannt und bewegt sich hektischer als gewöhnlich.
Der Hund nimmt diese Veränderungen wahr und kann selbst eine erhöhte Anspannung zeigen.
Genau das ist emotionale Ansteckung.
Warum ist emotionale Ansteckung für Hunde so wichtig?
Emotionale Ansteckung kann eine wichtige soziale Funktion haben.
In einer Gruppe kann es beispielsweise sinnvoll sein, schnell auf die Angst oder Aufregung eines anderen Tieres zu reagieren.
Wenn ein Hund plötzlich alarmiert ist, werden die anderen Hunde aufmerksam.
Wenn ein anderer Hund entspannt ist, kann diese Ruhe ebenfalls Einfluss auf die Gruppe haben.
Auch zwischen Mensch und Hund kann eine solche emotionale Verbindung entstehen.
Das erklärt möglicherweise teilweise, warum Hunde manchmal auf unsere Stimmung reagieren.
Und genau hier wird die Verbindung zur emotionalen Intelligenz interessant:
Ein emotional sensibler Hund nimmt die Gefühle und die Anspannung anderer besonders aufmerksam wahr.
Aber ein emotional intelligenter Hund kann diese Informationen darüber hinaus in sein Verhalten einbeziehen und angemessen darauf reagieren.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Hunde reagieren sogar körperlich auf Emotionen
Noch spannender wird es, wenn Forscher nicht nur beobachten, wie ein Hund reagiert, sondern auch untersuchen, was in seinem Körper passiert.
In einer Studie von Yong und Ruffman wurden Hunde mit menschlichem Babyweinen, Babbeln und neutralen Geräuschen konfrontiert.
Beim Weinen zeigte sich bei den Hunden eine erhöhte Cortisolreaktion.
Die Wissenschaftler interpretierten die Ergebnisse als Hinweis auf emotionale Ansteckung. Ein emotionaler Zustand eines anderen Individuums kann demnach auch den eigenen emotionalen beziehungsweise physiologischen Zustand beeinflussen.
Das ist bemerkenswert.
Denn es bedeutet, dass ein Hund emotionale Signale nicht nur äußerlich wahrnimmt.
Was passiert, wenn ein Fremder weint?
Eine spätere Untersuchung „A shoulder to cry on“ griff 2020 das „Fake-Weinen“-Experiment erneut auf und verband Verhaltensbeobachtungen mit Messungen der Herzratenvariabilität.
Dabei wurden sowohl der Besitzer als auch eine fremde Person dabei beobachtet, wie sie scheinbar weinten, lachten oder neutral sprachen.
Die Hunde reagierten nicht nur auf ihren Besitzer. Auch wenn eine ihnen fremde Person scheinbar weinte, zeigten sie vermehrt auf diese Person gerichtetes Verhalten. Besonders bei der fremden Person hing dieses Verhalten mit der eigenen physiologischen Stressreaktion der Hunde zusammen, ein Ergebnis, das die Forscher als möglichen Hinweis auf emotionale Ansteckung und empathieähnliches Verhalten diskutierten.
Bei Custance & Mayer (2012) wurden die Hunde bereits sowohl mit dem Besitzer als auch mit einer ihnen vorher unbekannten Person getestet. Die Hunde orientierten sich beim simulierten Weinen sowohl zum Besitzer als auch zum Fremden häufiger als beim Sprechen oder Summen. Besonders interessant: Wenn die fremde Person weinte, gingen die Hunde sogar zu dieser fremden Person und schnüffelten, stupsten oder leckten sie, anstatt zu ihrem Besitzer als vertrauter Bezugsperson zu gehen.
Mit anderen Worten:
Der Hund nimmt nicht nur wahr, dass etwas anders ist. Die emotionale Situation kann ihn selbst berühren.
Emotionale Intelligenz zeigt sich auch zwischen Hunden
Emotionale Intelligenz betrifft nicht nur die Beziehung zwischen Mensch und Hund.
Forschung zur emotionalen Ansteckung zeigt, dass Hunde auf emotionale Lautäußerungen sowohl von Artgenossen als auch von Menschen unterschiedlich reagieren können. Huber und Kollegen untersuchten verschiedene emotionale Geräusche von Menschen und Hunden. Die Hunde reagierten anders auf emotionale als auf neutrale Geräusche. Negative emotionale Laute führten unter anderem zu stärkerer Aufregung und Verhaltensänderungen.
Emotionale Intelligenz zeigt sich nicht nur darin, dass ein Hund die Gefühle anderer wahrnimmt. Entscheidend ist auch, was er mit diesen Informationen macht. Erkennt er, wann ein anderer Hund Abstand möchte? Passt er sein Verhalten an?
Genau diese Fähigkeiten schauen wir uns in den nächsten Teilen dieser Blogserie zu emotionaler Intelligenz bei Hunden genauer an: Woran erkennst du einen emotional intelligenten Hund und kann man diese Fähigkeiten schon bei einem Welpen beobachten?
Die wichtigsten Studien zum Thema
Masurkar et al. (2024): „Emotional Intelligence in Dogs: Recognizing and Responding to Canine Emotions“
Eine ausdrücklich unter dem Begriff „Emotionale Intelligenz“ veröffentlichte Arbeit. Sie fasst Forschung zu emotionaler Wahrnehmung, Körpersprache, Gesichtsausdrücken, Lautäußerungen, Empathie und Mensch-Hund-Beziehungen zusammen.
Custance & Mayer (2012): „Empathic-like responding by domestic dogs to distress in humans“
Eine bekannte Untersuchung zum Verhalten von Hunden gegenüber scheinbar weinenden Menschen. Die Hunde zeigten beim Weinen häufiger auf die Person gerichtetes Verhalten.
Yong & Ruffman (2014): „Emotional contagion: Dogs and humans show a similar physiological response to human infant crying“
Hunde zeigten beim Hören von menschlichem Babyweinen eine erhöhte Cortisolreaktion. Die Ergebnisse wurden als Hinweis auf emotionale Ansteckung interpretiert.
Huber et al. (2017): „Investigating emotional contagion in dogs“
Hunde reagierten unterschiedlich auf emotionale Lautäußerungen von Menschen und Hunden. Besonders negative emotionale Laute führten zu erhöhter Erregung.
Meyers-Manor & Botten (2020): „A Shoulder to Cry On“
Eine weitere Untersuchung zum Verhalten von Hunden gegenüber weinenden Menschen, bei der zusätzlich physiologische Reaktionen untersucht wurden.

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